Toronto, im Dezember 1999
Hoffentlich erreicht Euch dieser Brief noch im alten Jahrhundert. Die Wochen fliegen nur so vorbei, vor allem, wenn man zwei kleine Kinder hat, und wenn wir auf 1999 zurueckblicken, kommt es uns vor, als haetten wir gerade erst Silvester gefeiert. Das taten wir zur vergangenen Jahreswende idyllisch im Cottage von Verwandten unserer deutschen Freundin Andrea. Bei minus 25 Grad plus "windchill factor" schneiten wir dort regelrecht ein. Es war so kalt, daß das Anziehen der Kinder (natuerlich waren Andreas Mann und ihr Sohn Jan mit von der Partie) Stunden zu dauern schien, man es aber nur Minuten draußen aushalten konnte. Schließlich fror auch noch unser Auto ein und mußte in den naechsten Ort zur Reparatur abgeschleppt werden. Da wir alle ueber Weihnachten krank gewesen waren (eine widerliche Magengrippe und Bronchitis-Wellen machten die Runde), taten wir eigentlich nichts anderes, als zu kochen und zu essen, weil die Kinder die versaeumten Kalorien blitzartig nachholen wollten. Im Cottage und im kleinsten Kreis feierten wir auch Lukas zweiten Geburtstag am 3. Januar und machten uns danach zurueck nach Toronto auf. Dort waren innerhalb von wenigen Tagen 119 cm Schnee auf einmal gefallen. Die Stadt war mit dieser Schneemenge voellig ueberfordert und kam mit dem Raeumen nicht hinterher. Als wir ankamen, war unsere Straße voellig unpassierbar - wir mußten auf einem oeffentlichen Parkplatz parken und unsere Sachen und Lukas 10 Minuten durch die Schneewehen tragen und uns danach erst einmal eine Schneise in unsere Wohnung hineingraben. Die gute Nachricht war, daß danach den ganzen Winter ueber nie wieder so viel Schnee fiel.
Das ganze Jahr ueber hatte ich mehr Übersetzungsauftraege denn je zu erledigen und war darueberhinaus weiter mit dem Endlektorat fuer die Zeitung fuer Deutschsprachige im Ausland beschaeftigt, bei der ich seit zweieinhalb Jahren - von zu Hause aus und via e-mail - mitarbeite. Nachdem wir wußten, daß Lukas ein Geschwisterchen bekommen wuerde, versuchten wir zwar, eine groeßere Wohnung zu finden, aber das war nie von Erfolg gekroent. Toronto war vor 5 Jahren noch ein Mieterparadies, inzwischen herrscht hier aber regelrechte Wohnungsnot mit abenteuerlichen Miet- und Immobilienpreisen. Die meisten Wohnungen sind in unzumutbarem Zustand … und dann gibt es im Durchschnitt noch zehn kinderlose Mitbewerber. Ein zusaetzliches Zimmer bedeutet derzeit Verdoppelung unserer jetzigen Miete - und ich haenge sehr an unserem "Viertel" und unseren hilfsbereiten Nachbarn, die sich oft um Lukas kuemmern . Nach Monaten erfolgloser Suche haben wir fuer's erste aufgegeben, unsere Wohnung komplett umgeraeumt und viele Sachen woanders untergestellt. So werden wir weiterhin improvisieren. Das Jahr 1999 war außerdem dadurch gekennzeichnet, daß einige gute Freunde von uns Toronto verließen: Andrea und ihre Familie (und damit Lukas' bester Spielkamerad) zogen nach Vancouver, Bernd und Sybille gingen nach Deutschland zurueck und unser Freund Jay aus unserer Kirchengemeinde zog nach Quebec.
Großartige Reisen haben wir 1999 nicht unternommen, aber immerhin Mark und seine Familie in Ottawa besucht und uns im Sommer Lukas-los fuer ein Wochenende zu zweit (na ja, immerhin war ich da schon im 7. Monat) an den Strand von Sauble Beach bei Owen Sound aufgemacht. Anfang Juli besuchten uns dann unsere Freunde Friedhelm und Stephanie, Ende September unsere Trauzeugin Dagmar mit ihrem Freund. Mit ihnen gemeinsam mieteten wir fuer eine Woche ein Cottage am Lake Simcoe. Das war auch ganz erholsam, sieht man einmal davon ab, daß wir alle wegen durchgelegener Matratzen unsere liebe Mueh und Not mit dem Ruecken hatten und uns teilweise vorkamen wie eine Rentner-Gang … vor allem ich (mit gewaltigem Bauch) humpelte wie nichts Gutes am Seeufer umher und ließ die anderen Lukas einfangen. Gluecklicherweise legten sich diese Beschwerden dann wieder, als wir in die Zivilisation zurueckkehrten.
Und dann war es ja auch nicht mehr lange hin bis zu Annas Geburt. Sie kam puenktlich einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt. Im Vergleich zu Lukas Geburt war das eine aeußerst einfache und harmonische Angelegenheit. Mit Ruth und Lukas hatten wir noch in Ruhe gemeinsam gefruehstueckt. Fast haette ich es dann nicht mehr bis ins Krankenhaus geschafft, so ertraeglich waren die Wehen bis zum Schluß - um 12 Uhr wurde ich eingeliefert, um 13.30 Uhr wurde Anna geboren. Vor allem ging mein Wunsch in Erfuellung, sie am hellichten Tag zu Buerostunden zur Welt zu bringen, so daß mein eigener Gynaekologe die Entbindung vornehmen konnte. Mir ging es so viel besser als nach Lukas' Geburt, daß ich schon nach 24 Stunden aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Anna ist bis jetzt ein aeußerst zufriedenes Baby, das aeußerst kuschelig ist und im Unterschied zu Lukas damals viel und gern schlaeft. Das macht das Zusammenleben zu viert deutlich einfacher. "Leider" waechst sie rekordverdaechtig schnell, man kommt kaum mit dem Gucken hinterher.
Lukas hat im vergangenen Jahr gute zehn Zentimeter zugelegt und koennte glatt als Fuenfjaehriger durchgehen. Seit dem Sommer hat er einen "Kindermann" - einen Nachbarn von uns, seines Zeichens Kuenstler und Vater einer fuenfjaehrigen Tochter. Dort ist Lukas zusammen mit einem anderen Fuenfjaehrigen zwei Nachmittage die Woche und faengt seitdem an, auch Englisch zu sprechen. Anfangs war das putziges "Luebke-Englisch" ("You help me not!"); nun wird es immer besser und besonders erstaunlich finden wir, wie Lukas automatisch weiß, mit wem er Deutsch und mit wem er Englisch reden kann. ("Ron hat mich nach meiner Windel gefragt, und da habe ich gesagt 'My diaper is not wet.'") Haeufig fragt er auch "Was heißt das auf Deutsch? Was heißt das auf Englisch?". Nichtsdestotrotz ist sein Deutsch natuerlich noch um Laengen besser als sein Englisch - da kann er ganze Geschichten in Haupt- und Nebensaetzen erzaehlen, gelegentliche altkluge Kommentare eingeschlossen. Er hat einen eisernen Willen und ist derzeit im allerbesten Trotzalter, gleichzeitig aber sehr sensibel und aufgeschlossen. Durch die Ankunft seiner Schwester fuehrt sich Lukas im stuendlichen Wechsel mal wie ein Erstklaessler und dann wieder wie ein Saeugling auf. Mich mit ihr zu teilen, ist natuerlich nicht einfach fuer ihn, aber auf Anna laeßt er nichts kommen und schickt mich mit einem "Du mußt Dich jetzt um Anna kuemmern" zu ihr, wenn sie schreit. Zu seinem liebsten Zeitvertreib gehoeren Bagger, sei es nun in natura oder als Spielzeug, sowie das Beobachten und Nachspielen der Muellabfuhr.
Silvester werden wir der Kinder halber zu Hause verbringen und hoffen, daß die Weltuntergangs-Szenarien (nicht funktionierende Heizungen, leere Supermaerkte …), die manche Leute hier heraufbeschwoeren, uns erspart bleiben. Immerhin haben wir schon Champagner fuer die Jahrtausendwende ergattert!
Nun auch noch einige Worte von mir, Friedrich. Ich muß bestuerzt feststellen, daß Manya schon alles Wichtige berichtet hat. Bleiben also nur noch Neuigkeiten ueber meinen Job.
Dort hat sich im letzten Jahr viel veraendert: Endlich konnten wir die Windows NT -Version unserer Software, genannt Analyst, liefern. Dieses Computerprogramm erfaßt Daten der verschiedenen Massenspektrometer-Typen, die unsere Firma herstellt, und erlaubt es dem Benutzer, die Daten zu analysieren. Hauptanwender sind groeßere Pharmakonzerne, die unsere Instrumente waehrend der Entwicklung von neuen Medikamenten einsetzt, um von den Gesundheitsbehoerden Genehmigungen fuer die neuen Produkte zu bekommen. So kam es, daß ich etwa 10 Tage in diesem Fruehjahr in England (Stevenage in der naehe von London) und Basel (CH) bei Kunden verbringen konnte, die eine Beta-Version unseres Programms testen wollten. Ab August aenderte sich unsere interne Organisations-Struktur etwas und ich wurde zum "Team Leiter" befoerdert. Es arbeiten 4 Kollegen in meinem Team, mit welchen ich mich sehr gut verstehe. Als Nebentaetigkeit kuemmere ich mich mit einem anderen Kollegen um unsere Software-Architektur – muß wohl in der Familie liegen. Unser neues Software-Projekt soll unsere neuen Time-of-Flight Massenspektrometer (wesentlich hoehere Massengenauigkeit) unterstuetzen. Dazu kommt, daß wir jetzt mit Tochterfirmen in Kalifornien, Texas und Boston an einigen Projekten zusammenarbeiten, und ich habe da gewissermaßen eine Vermittler-Rolle.
Dies alles brachte mich also auch mit einem anderen Kollegen auf eine Reise nach San Francisco. Ich hatte am Wochenende auch etwas Freizeit: Am Samstag fuhr ich mit dem Leihwagen nach Santa Cruz. Ganz in der Naehe gibt es einen Naturpark, wo absolut riesige (10 m Durchmesser) Zedern auf Wanderwegen zu sehen waren. Auf der Rueckfahrt nach SF konnte ich an der Pazifik-Westkueste (Hwy 1) entlangfahren, und auch an einem der vielen Straende anhalten. Am Sonntag fand ich in SF eine nette Gemeinde fuer den Gottesdienst und habe mir die Stadt angehen. Highlight war eine Radtour mit geliehenem Fahrrad ueber die Golden-Gate Bruecke. Es ging dann mit einer Faehre von der anderen Seite zum Ausgangspunkt zurueck. Schade, daß Manya nicht dabei sein konnte. Auch war ich sehr zu Manyas Besorgnis knapp 3 Wochen vor Annas Geburtstermin geschaeftlich in Boston.
So kommt es, daß ich viel weniger Programme entwickele, und mehr Management-Taetigkeiten uebernehme. Dieses bringt sowohl positive als auch negative Seiten mit sich, und leider etwas mehr Stress in meinem Leben.
Einer der Hoehepunkte des Jahres war natuerlich die Geburt der Anna B. Sie ist bis jetzt ein ziemlich zufriedenes Baby, und bringt mir/uns viel Freude. Vom Charakter her scheint sie mir viel aehnlicher zu sein als Lukas - erschreckend. Wie das wohl erst wird, wenn beide Kinder Teenager sind, aber das ist wohl noch ein bißchen hin.
Weihnachten steht vor der Tuer, und ein neues Jahr mit vielen Nullen. Wir wuenschen Euch einen Guten Rutsch und Gottes Segen fuer das kommende Jahr - wie immer freuen wir uns ueber Nachrichten und Besuche von Freunden und Familie.