Richtig - wenn der alljährliche Rundbrief aus Kanada kommt, dann geht es rasant auf Weihnachten zu! Das kommt für uns noch überraschender, weil wir einen merkwürdig milden November und Dezember mit Temperaturen um die 15 Grad (über Null) haben. Im Rückblick war das kanadische Wetter in diesem Jahr sehr erträglich und die sonst üblichen Extreme blieben aus. Weder mußten wir uns Monate lang totschwitzen, noch Monate wegen Schneestürmen und Minusgraden eingekerkert bleiben.
Im Januar wird Lukas nun tatsächlich schon zwei Jahre alt und benimmt sich entsprechend. Als riesengroßes Plus können wir berichten, daß er nun anfängt, allein und selbständig zu spielen, so daß ich (Manya) nach Monaten absoluter "Rockzipfeligkeit" wieder allein in einem Zimmer sein und meine eigenen Dinge erledigen darf. Das ist eine sehr große Erleichterung! Seine Sprache explodiert nun förmlich, wobei die Tatsache, daß die einheimische Bevölkerung ihn nicht versteht, Lukas bis jetzt noch nicht gestört hat. Der Kindermund hat auch schon nette Blüten getrieben wie "Großmutter Hose voll" (als Ruth ins Badezimmer verschwand) oder, als ich in seine Windel guckte, "Blinder Alarm - Hose leer!". Das Abendessen wird neuerdings immer mit einem kategorischen "Badewanne einlassen!" beendet. Außerdem fängt Lukas jetzt an, seine Lieblingslieder selbst zu "singen" und bringt es dabei schon auf ein umfangreiches Repertoire ("Oppe-oppe Eiter" halten wir allerdings für eine gewöhnungsbedürftige Umdichtung. J). Das Schlafengehen findet er nachmittags und abends weiterhin schrecklich. Dafür wächst und gedeiht er prima und kann es optisch mit jedem Dreijährigen aufnehmen (14,5 kg und stehend ca. 93 cm). Bei den Schuhen befürchten wir demnächst Sonderanfertigungen; immerhin sind wir jetzt schon bei Größe 29. Zum Leidwesen seines Vaters hat Lukas langes Haar und Löckchen - das Einzige, was nach Ansicht seiner Mutter noch entfernt an sein tatsächliches Alter erinnert.
Da Lukas nun in einem Alter ist, in dem er andere Kinder besonders spannend findet, und auch, damit er mitkriegt, daß alle hier eine andere Sprache sprechen, habe ich im Herbst damit begonnen, mit ihm verschiedene Kindergruppen zu besuchen. Natürlich sind die Lütten dadurch öfter krank, als wenn sie nur zu Hause säßen, aber dem Budenkoller und der Langeweile wird dadurch vorgebeugt und frau lernt selbst mehr Leute kennen. Lukas jedenfalls ruft schon auf dem Weg immer ganz begeistert "Andre Kinder, andre Kinder!". Jeden Montagvormittag geht es zu einer Spielgruppe im hiesigen "community centre", in der es jede Menge Spiel- und Malaktivitäten, einen gemeinsamen Snack, Liedersingen und eine "storytime" gibt. Donnerstagsvormittags treffe ich mich in der Parallelstraße mit zwei Nachbarinnen mit Kindern in Lukas' Alter. Dienstagsnachmittags kommt regelmäßig eine ebenfalls aus Deutschland stammende neue Freundin mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Jan vorbei, und der hat sich zu Lukas' liebstem Spielkamerad entwickelt. So ist die Woche denn schon immer ganz gut ausgefüllt, denn zwischendurch muß man ja auch den Alltagskram erledigen und gelegentlich auch einmal etwas am Computer arbeiten, denn für die Zeitung und die Übersetzungsagentur mache ich nebenbei immer noch etwas. Sonntags trifft Lukas dann in der Kirche seine zweieinhalbjährige Freundin Kristina.
Komischerweise haben wir 1998 überhaupt keinen Übernachtungsbesuch aus Deutschland gehabt. Wir wissen nicht, woran das liegt, jedenfalls hat sich niemand hergetraut. Hoffentlich ändert sich das im neuen Jahr! Allerdings hatten wir im Sommer Freunde von Friedrichs Eltern aus Brüssel mit ihrer Tochter zu Besuch, und Friedrichs Tante Meta machte mit ihrem Mann im Rahmen eines Kanada-Urlaubs ebenfalls eine kleine Stippvisite bei uns. Im März waren wir alle drei gemeinsam in Deutschland gewesen. Wie immer reichte die Zeit nicht, alle zu sehen, obgleich fast Friedrichs gesamter Jahresurlaub für die Reise 'draufging. Anfang November war ich ziemlich überraschend dann noch einmal in Deutschland, allerdings allein, nur in Hamburg, und nur für vier Tage. Ich hatte nämlich die Einladung erhalten, im Rahmen einer Tagung über mittelalterliche Kunstgeschichte in Hamburg einen Vortrag über meine Dissertation zu halten. Und da man mir sogar die Reisekosten spendierte, konnte ich so eine Chance natürlich nicht ausschlagen, obwohl ich noch nie so lange und so weit von Lukas weggewesen war. Ihm zuliebe bin ich dann nur für ein verlängertes Wochenende geflogen und Friedrich nahm sich zwei Tage Urlaub, um seinen Sohn zu trösten. Am Ende klappte die Trennung dann natürlich viel besser als erwartet, und ich habe den kurzen "business trip" richtig genossen. Selbst das Essen im Flugzeug kann entspannend sein, wenn einem nicht dauernd ein Kleinkind auf den Teller patscht! Zur Jahrtausendwende wird es in der Hamburger Kunsthalle dann eine Ausstellung zur mittelalterlichen Kunst der Stadt geben, und im Ausstellungskatalog wird ein Aufsatz von mir über den Lukasaltar in Hamburg enthalten sein.
Nun auch noch einige Worte von mir, d.h. Friedrich. Wenn ich mir es so recht überlege, so ist dieses Jahr ist eigentlich gar nicht so richtig was passiert. Glücklicherweise [Gott sei Dank!] ist nach der Bandscheiben-OP in diesem Jahr in Sachen Rücken alles gut verlaufen. Ich werde mich dennoch in acht nehmen und das Heben von schweren Sachen meiden. Dieses Jahr wurden mir und Manya meine Chorproben etwas leid – singe seit September nicht mehr bei den Toronto Concertsingers, was Vor- und Nachteile hat. Ich vermisse die Musik, aber nicht den Streß der Proben vor einem Konzert! Ich denke daran im März aber doch wieder anzufangen. Auch hobbymäßig habe ich in letzter Zeit nichts mehr so richtig gemacht, sehne mich aber nach der Möglichkeit, wieder Bier brauen zu können. Das erfordert einen zweiten Kühlschrank, für den wir in unserer jetzigen Wohnung keinen Platz haben. Dieses Jahr haben wir uns auch weiter amerikanisiert: Wir haben uns einen gebrauchten Videorekorder angeschafft, um nach Lukas Schlafenszeit doch noch ab und zu mal einen Film ohne Reklame sehen zu können. Obwohl Lukas jetzt auch prima alleine bei meiner Mutter bleiben kann, gehen wir trotzdem nicht so oft aus, wie wir es eigentlich sollten. Sonst bin ich auch immer noch aktiv in der Kirche tätig, d.h im Kirchenrat, und kümmere mich um die Steuerquittungen für die ganze Gemeinde. Durch die Kirche haben wir wirklich einige enge Freunde gewonnen, mit welchen wir auch ab und zu mal was unternehmen.
In diesem Jahr feierten wir auch den 60. Geburtstag von meiner Mutter Ruth – viele Freunde meiner Mutter, Manya, Lukas, meine Schwester Meta und ich sind am besagten Tage nach Peterborough (2 Std von Toronto) gefahren, um dort eine Bootsfahrt durch die dortigen Schleusen des Trentkanalsystems zu fahren. Es war einfach ein sehr schöner, gelungener Tag. Meine Mutter und Schwester arbeiten immer noch fleißig an modernen Entwürfen für handgeknüpfte Teppiche, und wir konnten schon einige bemerkenswerte fertige Werke bewundern. Meta machte sich dieses Jahr nach langjähriger Arbeit in einem New Yorker Architekturbüro selbstständig und hat viele „heiße Projekte“ in der Mache.
In Sachen Arbeit gibt es nicht viel Neues: Ich arbeite immer noch an dem Massenspektrometer-Projekt, und bin erstaunt, wieviel ich immer noch dazulernen kann. Ich finde das Projekt immer noch ziemlich spannend und habe Freude an der Arbeit. Anfang des Jahres werde ich wahrscheinlich nach England und in die Schweiz reisen, um unsere Software verschiedenen Pharma-Konzernen zu zeigen. Ich freue mich schon darauf.
Das Ende des Jahres kommt rasch, und schon denken wir daran, wo wir Silvester 1999 feiren werden. Natürlich denke ich auch mit leichtem Grausen an das Jahr 2000 mit dem Millenium-Computerbug. Dies ist ein Problem mit Computersoftware, die nur zwei Stellen des Jahres speichert und wo bei der Jahrtausendwende Probleme auftauchen. Ich glaube ernsthaft, daß dieses Problem eine kurze, aber weltweite Rezession einleiten wird – mit Sicherheit werden besonders mittelgroße Unternehmen stark davon betroffen werden. Aber genug Schwarzmalerei – normalerweise bin ich doch eher ein Optimist. Man sollte dann wenigstens Silvester noch einmal tüchtig feiern…
Wie viele Freunde, die finanziell in ähnlicher Situation sind wie wir, würden wir gern auch gern ein kleines Häuschen mit Garten erwerben. Obwohl dies in Kanada etwas erschwinglicher ist als in Deutschland, ist uns dies zum jetzigen Zeitpunkt in Toronto leider nicht möglich, da Immobilien in einer Großstadt immer teurer sind als anderswo. Trotzdem sind wir dankbar, freuen uns über unsere Gesundheit und natürlich über unseren klugen kleinen Sohn, der uns oft zum Schmunzeln bringt.
Wir wünschen Euch allen ein frohes Fest und ein gesegnetes Jahr 1999. Wie immer freuen wir uns über Nachrichten und Besuche von Freunden und Familie.
Manya, Friedrich und Lukas!