Dieses Jahr ist mal wieder wie im Nu vergangen, und schon hat sich die Adventszeit herangeschlichen. Wir hoffen, das unser Brief Euch alle noch zu Weihnachten erreicht und wünschen ein frohes Fest und Gottes Segen zum neuen Jahr.
Wie schon im letzten Brief erwähnt, ist hier oben Lukas zu sehen, der am 3.1. 1997 in Toronto geboren wurde. Unser Kleiner (nun eigentlich gar nicht mehr so klein - 11 kg und aus Größe 86 herauswachsend…) wächst und gedeiht prächtig, und wir haben viel Freude an ihm. Lukas schläft nun meistens die Nächte durch, und kann sich endlich etwas besser im Laufstall mit Spielzeug beschäftigen - noch kann er zwar nicht frei laufen, aber er stolziert am Rande des Laufställchens herum. Er versteht auch schon Sätze wie “Gib Papa bitte den Ball, Lukas” und tut es dann auch.
Wie schon im letzten Rundbrief erwähnt, bin ich seit Ende Januar bei meiner neuen Stelle bei Sciex, einer Firma, die Massenspektrometer herstellt. Ich bin dort eigentlich sehr zufrieden trotz den 80 km, die ich täglich zurücklegen muß, um von und zur Arbeit zu kommen. Da dieses mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr zeitaufwendig war, haben wir uns im September einen Toyota Tercel Gebraucht-Kleinwagen gekauft. Das Auto macht doch so einiges einfacher, besonders, was Einkäufe angeht.
Weniger schön war in diesem Jahr mein Bandscheibenvorfall. Nachdem unsere Waschmaschine im Februar kaputt ging, kamen wir durch Bekannte von meiner Mutter durch Zufall an eine neue Gebrauchtmaschine, die uns geschenkt wurde. Nur abholen und eine Treppe hinauf in unsere Wohnung schleppen. Dort wird es passiert sein - Rücken- und Beinschmerzen kamen dann so langsam herbei und wurden immer schlimmer. Als ich anfing zu humpeln, bin ich dann zum Arzt gegangen. Dann gab es einige Monate Krankengymnastik, und dann schließlich einen CAT-Scan, und nach einiger Wartezeit Ende Juni ein Termin bei einem Neurochirurgen. Dieser empfahl eine Operation, welche dann auch Mitte Juli in Mississauga stattfand. Da es sich um Mikrochirurgie handelte, konnte ich schon am nächsten Tag wieder nach Hause, mußte jedoch noch 5 Wochen im Bett bleiben. Und nun hat sich doch Gott sei Dank alles zum Besten gewandt. Ich fühle mich wieder gesund, mache jedoch 2 mal täglich Rückenübungen, die vorbeugend wirken sollen. Vorsichtig heben heißt nun auch bei mir die Devise.
Noch etwas sollte ich erwähnen: Durch Bekannte in Manyas Müttergruppe kam ich dazu, bei einem Fernseh-Werbespot für Ikea Deutschland mitzuwirken. Der Inhalt: Ein Mann weiß nicht, was er seiner Frau zu Weihnachten schenken kann und schlägt mit dem Kopf gegen eine Wand. Dazu die entsprechende lustige Musik. Diese Werbespots werden extrem gut bezahlt, und ich fand die Idee ganz witzig. So, nun will Manya auch noch etwas schreiben.
Ich sollte meine Zeilen mit dem Ausruf “Peinlich, peinlich, peinlich!” beginnen. Und es ist mir auch entsetzlich peinlich und unangenehm, daß ich mich seit Lukas' Geburt bei niemandem mehr brieflich gemeldet habe. Noch dazu, wo in den Wochen nach seiner Geburt so viele liebe Glückwünsche und Päckchen eintrudelten. Binnen kürzester Zeit war ich allein in Deutschland 60 Leuten Danksagungen schuldig, ganz zu schweigen von den inner-kanadischen. Und da habe ich dann irgendwann vor dem Postberg kapituliert, zumal der Lütte mir höchstens eine Stunde am Tag für mich Zeit läßt. Ich hoffe, Ihr verzeiht uns unser Schweigen und seid nicht zu böse - wir haben uns wirklich sehr über all die Post gefreut und darüber, daß Lukas so von allen willkommen geheißen wurde.
Die ersten drei Monate seines Erdendaseins war der Kleine abwechselnd immer entweder hungrig oder hatte Blähungen. Im Rückblick war das eine reichlich anstrengende Zeit. Außerdem war ausgerechnet dann Friedrich durch seinen Rücken völlig außer Gefecht gesetzt und konnte Lukas noch nicht einmal auf den Arm nehmen oder mal kurz spazierenfahren. Danach entspannte sich die Lage - auch dadurch, daß Lukas, wie man auf einem der Bilder sieht, den Daumen für sich entdeckte (und leider durch nichts in der Welt zur Benutzung eines Schnullers zu überreden ist.) Er ist ein sehr freundliches und aufgewecktes Kind, das leider nicht gern schläft, solange es noch irgendwo etwas Neues zu entdecken gibt. Seitdem er vier Monate alt ist, zahnt er eigentlich ständig, aber das ist sein einziges größeres Problem - bislang war er noch nie krank. Zur Zeit haben wir unsere ersten Machtkämpfe - um jeden Löffel Gemüse und Fleisch sowie um jeden Schluck Flüssigkeit, denn der Kleine haßt das Trinken … uns ist völlig schleierhaft, wieso.
90 Prozent meiner Zeit sind momentan Lukas gewidmet, denn wenn er wach ist, erwartet er, daß man sich voll mit ihm beschäftigt, zumal ich ihn in unserer Butze sowieso nicht aus den Augen lassen kann, damit er sich nichts tut. Meine Übersetzungsagentur deckt mich außerdem recht gut mit kleineren und größeren - unregelmäßigen - Aufträgen ein, und darüber hinaus bin ich seit dem Sommer Reakteurin einer monatlich hier in Toronto herausgegebenen neuen Zeitung für Deutschsprechende im Ausland. Ich habe das Endlektorat jeder Ausgabe, was sich zum Glück sehr gut über e-mail und Fax erledigen läßt, aber dank Lukas natürlich viele Nachtschichten bedeutet. Es ist noch sehr unsicher, ob dieses Ein-Mann-Projekt das erste Jahr überlebt, also halten sich meine Hoffnungen auf einen Nebenjob, den ich zu Hause ausüben kann, noch in Grenzen. Immerhin bedeutet dieses Projekt aber schon jetzt interessante neue Kontakte.
Bekannte aus unserer Kirche organisierten im Februar für Lukas ein kleines Willkommens-Fest. Das nächste größere Ereignis war dann Lukas' Taufe am 27. April. Mein Vater war zu dieser Zeit gerade zu Besuch bei uns und verstand sich übrigens blendend mit seinem Enkel. Nach dem Taufgottesdienst feierten wir alle gemeinsam in einem griechischen Restaurant hier im "Viertel" und anschließend kam der "harte Kern" nachmittags mit zu uns nach Hause.
Über Mangel an Besuch konnten wir uns glücklicherweise "trotz" Kind auch dieses Jahr nicht beklagen: Im April war wie gesagt mein Vater hier, außerdem kamen uns Ina und Martin (ehemals Köln, nun Boston), Stephanie (die den Rekord an Besuchen bei uns hält) mit ihrem Mann Friedhelm, Pastor Eckart (der uns getraut hat) sowie eine Kollegin meines Vaters besuchen. Auch Ruths Schwestern Erika und Gisela inspizierten den neuen Großneffen. Wir selbst wagten lediglich eine kleine Fahrt nach Ottawa zu Mark aus Anlaß der Taufe seiner Tochter Anne, deren Pate Friedrich ist. Meta war recht häufig in Toronto in diesem Jahr, wozu sicherlich auch die Existenz von Lukas beigetragen hat.
Mittlerweile ist auch meine Dissertation und eine leicht verdaulichere Kurzfassung für Laien erschienen. (Für Interessierte: M.B., Der Lukasaltar in St. Jacobi zu Hamburg, Christians Verlag Hamburg, DM 29.80; M.B., Der Lukasaltar des Hinrik Borneman und sein Werkstattkreis, Reihe Vestigia Bibliae Bd. 17, Verlag Peter Lang Bern, ich glaube 70 DM - ich kriege aber keine Tantiemen! J) Somit kann ich dieses Kapitel nach langen Jahren endlich ad acta legen und freue mich, daß die beiden Bände so gut bebildert erscheinen konnten.
Hier in unserem "Viertel" kenne ich dank einer Mutter-Kind-Gruppe, die seit April besteht, schon recht viele Leute und treffe regelmäßig beim Einkaufen und Spazierengehen Bekannte. Das ist recht anheimelnd, zumal wir ja erst ein Jahr hier wohnen. Wir treffen uns noch immer einmal im Monat, und sei es, um uns gegenseitig etwas vorzujammern, was ja auch hilfreich sein kann. Ständig wächst auch unser deutschsprachiger Bekanntenkreis. Dieses Jahr habe ich nach längerer Feierabstinenz meinen Geburtstag endlich einmal wieder größer gefeiert - am Schluß waren wir 17 Erwachsene und 7 Kinder von 0 bis 9.
Soweit dieses ereignisreiche "Babyjahr" im Zeitraffer - wir hoffen, daß es auch für Euch ein gutes war! Von Lukas ein herzliches "Jodelohhdelodeldo" und von seinen Eltern viele liebe Grüße,
Eure