Toronto, Weihnachten 2000
Haette Manya und Lukas nicht ziemlich direkt vor Weihnachten ein scheußlicher Virus erwischt, der beide fuer eine volle Woche auf's Krankenlager streckte, waere ja vielleicht dieses Jahr unser Weihnachtsrundbrief in bewaehrter Form noch 'drin gewesen. Nun aber fehlt uns irgendwie an allen Ecken und Kanten eine Woche Zeit, so daß wir unseren Rundbrief dieses Mal zu einem Neujahrsbrief umwidmen muessen. Wir arbeiten uns außerdem gerade aus gut und gern 30 cm Schnee hervor. Dieser kanadische Winter hat schon recht heftig angefangen mit diversen Schneestuermen. Weiße Weihnacht!
Wenn wir auf das vergangene Jahr zurueckblicken, ist zunaechst Anna Mareikes Taufe zu erwaehnen, die wir im Februar feierten. Annas Paten sind Ute Zander, eine gute Freundin aus unserer Kirche, und Juri Klugmann, ein Freund und Herausgeber der "Deutschen Rundschau", der deutschen Zeitung, die Manya hier als Lektorin betreut. Die Taufe erinnerte uns in vielem an Lukas' Taufe und endete wie diese mit einem Mittagessen in einem der vielen Lokale in unserer Naehe im griechischen Viertel Torontos.
Ende Maerz gab es bei Brunzemas dann Windpocken – erst erwischte es Lukas, dann die knapp fuenfmonatige Anna. Ihre Mutter hatte diese Kinderkrankheit im zarten Alter von 26 durchlitten und war dadurch nun endlich immun, nicht aber gegen eine Magengrippe, die gleichzeitig die Runde machte und die Kinderpflege eine Nacht lang erheblich erschwerte.
Im naechsten Herbst wird Lukas hier schon mit der kanadischen Vorschule beginnen muessen, so daß wir beschlossen haben, es wuerde ihm guttun, sich allmaehlich an Gruppensituationen ohne die Eltern zu gewoehnen. Zwei Nachmittage pro Woche geht er nun in einen Kindergarten, in dem es ihm erfreulich gut gefaellt. Es ist ein fast halbstuendiger Fußmarsch dorthin, aber er zieht immer wieder frohgemut los und beteiligt sich gut. Wir ueberlegen nun auch, welche Art Vorschule fuer Lukas die beste ist – weil Friedrich in Quebec zur Schule ging, haette Lukas sogar einen Anspruch auf einen Platz in einer franzoesischen oeffentlichen Schule. Daneben gibt es die normalen englischsprachigen und schließlich dann noch Vorschulen, in denen die Kinder ab 5 vorwiegend in Franzoesisch unterrichtet werden. Mittlerweile ist Lukas voll zweisprachig; das Englische hinkt dem Deutschen nicht mehr hinterher.
Lukas wird am 3.1. vier Jahre alt, sieht aber aus wie ein Sechsjaehriger. Er ist extrovertiert, wortgewandt und redet von morgens bis abends. Lukas ist und bleibt ein extremer Dickkopf, der nichts vergißt und sich durch keine Tricks dieser Welt von seinen Vorhaben abbringen laeßt. Seine Leidenschaft gehoert dem Malen und allen Arten von Baustellen. Anna (15 Monate, Groeße 92) laeuft zwar noch nicht frei, aber "immer an der Wand lang" oder mit Hilfe der Wohnzimmerstuehle, die sie vor sich herschiebt. Sie spricht kein Wort, kann aber "Haenschen klein" und "Hoppe, hoppe Reiter" fehlerfrei nachsummen. In Manyas Anwesenheit darf niemand außer der Mama sie anfassen; ist Mama weg, ist die Babydame etwas genuegsamer. Anna vergoettert ihren großen Bruder geradezu – er ist ihre Bezugsperson, wenn Manya sie bei der Großmama oder dem Papa "abgibt", und ueber seine Spaeße kichert sie wie ein Teenager. Beide Kinder brauchen leider erheblich weniger Schlaf als ihre Eltern – Anna haelt ein einstuendiges Nachmittagsschlaefchen, das war es dann, und Lukas hat seinen Mittagsschlaf schon lange ganz aufgegeben.
Ende April begannen wir, uns mit Hilfe einer befreundeten (aus Norddeutschland stammenden …) Maklerin nach einem kleinen Haeuschen umzusehen. Und da so etwas in Kanada bedeutend schneller vor sich geht als in Deutschland, zogen wir bereits Mitte August um! Wir wollten gern in der Naehe unseres Viertels bleiben und sind jetzt gut 10 Gehminuten von unserer alten Wohnung entfernt. Das Haus ist eine etwa 80 Jahre alte Doppelhaushaelfte, knapp 100 qm Wohnflaeche. Im Parterre liegen Wohnzimmer und Kueche; die 3 Schlafzimmer sind im ersten Stock, und im Keller ist ein großes Spiel- bzw. Gaestezimmer und noch ein Bad. Der kleine Garten hat ein hoelzernes Deck auf zwei Ebenen. Fuer hiesige Verhaeltnisse war der Bau in gutem Zustand. Das Haus hat auch eine zentrale Klimaanlage und eine neue, energiesparende Erdgasheizung. Wir sind heilfroh, nun endlich mehr Platz zu haben und nun auch noch einfacher Besuch ueber Nacht beherbergen zu koennen.
Im Maerz schaute Friedrichs Busenfreund Kevyn aus Seattle bei uns vorbei . Noch vor unserem Umzug besuchten uns dieses Jahr Elke und Stefan Mueller, Manyas Patentante aus Oldenburg mit ihrem Mann. Mit ihnen unternahmen wir einige schoene Tagestouren, natuerlich an die Niagarafaelle und in die Mennoniten-Region um Waterloo. Friedrichs Sandkastenfreundin Hilke Willeke geb. Willms schaute im September mit ihrem Vater bei uns vorbei, und viele alte Fotos aus Logaer Zeiten wurden bei dieser Gelegenheit betrachtet. Schließlich uebernachteten dann Francoise und Michel Roy aus Bruessel am "Thanksgiving"-Wochenende bei uns und halfen uns mit vielen Tips dabei, einen schmackhaften Truthahn zuzubereiten.
"Halloween" war dieses Jahr ein großes Ereignis fuer Lukas – gaenzlich uneingeschuechtert ging er dieses Jahr als Feuerwehrmann verkleidet mutig von Haus zu Haus, egal, wie gruselig es dort geschmueckt war. Wir besuchten bei der Gelegenheit seine ehemaligen Spielkameraden unserer alten Straße, deren Eltern zum Teil Sekt schluerfend in ihren Vorgaerten saßen, waehrend die lieben Kleinen vorbeizogen. Das will Manya nun naechstes Jahr kopieren! J Der November markierte den Abschied von unserer Freundin Ute, die mit ihrer Tochter Kristina nach Deutschland zurueckging. So sind wir denn wieder eine Torontoner Freundschaft und Lukas eine deutschsprachige Spielkameradin losgeworden – Manya pflegt immer zu sagen, daß alle netten Leute, mit denen wir uns anfreunden, automatisch die Stadt fluchtartig verlassen!
Friedrich war im Dezember eine Woche dienstlich in der Schweiz und in England. Seine Taetigkeit bei Sciex veraendert sich gerade ein wenig – er wird in die gerade neu gegruendeten Anwendungs-Gruppe wechseln, was seinen Beruf hoffentlich noch interessanter machen wird. Es ist gut zu wissen, daß seine Softwareprodukte von der pharmazeutischen Industrie zur Entwicklung neuerer und besserer Medikamente genutzt werden. Nach einem Umbau hat seine Firma nun ein eigenes Fitness-Center und Friedrich trainiert dort seit dem Sommer jeden Morgen vor Arbeitsbeginn. Eine kleine Gruppe von Kollegen haelt außerdem in der Firma einmal pro Woche eine christliche Andacht ab, was ein bißchen Abstand von der Arbeitsroutine ermoeglicht. – Manya hat mit den Kindern viel zu tun, erledigt ihre Lekoratsarbeiten fuer die Zeitung von zu Hause aus per E-Mail und hatte im vergangenen Jahr auch einige groeßere Übersetzungsauftraege zu bewaeltigen.
Wir wuenschen Euch allen ein gesegnetes Neues Jahr und hoffen, daß wir in Verbindung bleiben
Herzliche Grueße
von
Manya, Friedrich, Lukas und Anna