Anhang B2

Der praktische Arzt Dr. Friedrich Brunzema uebte seit September 1920 in Emden eine aerztliche Praxis aus - anfangs in der Großen Str. Nr. 17, spaeter in der Graefin-Theda-Str. 2 Zu seinen Patienten gehoerten auch einige Juden. In ihren Haeusern hatten die Juden im allgemeinen kein vollstaendiges Altes Testament, sondern meist nur die "Fuenf Buecher Mose" in hebraeischer Sprache. Die aeltere Generation konnte oft kein Hebraeisch. Wollte eines der Kinder, die in ihrer Schule hebraeischen Unterricht hatten, aus den "Fuenf Buechern Mose" etwas lesen, setzte es sich, - auch in der Wohnung - zuerst eine Muetze auf.

Die Mission unter den Juden - eine bescheidene, in der Christenheit wenig beachtete, aeußerlich auch wenig erfolgreiche Arbeit - lag dem Emder Arzt am Herzen. Mehrfach wohnten Judenmissionare in seinem Haus. Er vermied es aber, bei Juden zu kaufen, wenn er gleichwertige Waren in christlichen Geschaeften erhalten konnte.

Gelegentlich schenkte er den Juden eine Bibel. Er mußte aber feststellen, daß die Juden das Bibelbuch vor ihren Kindern versteckten.

Den Nationalsozialismus und besonders den Antisemitismus, der mit ihm verbunden war, lehnte er aus religioesen Gruenden ab. Schon frueh erlebte er die praktische Auswirkung des Antisemitismus. So beobachtete er schon 1933 die Aufregung und den Zorn der Juden, als ihnen die Schaechtmesser fortgenommen wurden, und das rituelle Schlachten im Schlachthaus in Emden verboten wurde. Die Juden mußten sich nun " koscheres" Fleisch aus dem Ausland kommen lassen, Das war der Beginn einer Verfolgung, die - angeheizt durch das Blatt "Der Stuermer" -im Laufe der Zeit schrittweise immer drueckender wurde. In diesen Tagen kamen Juden aus der Stadt - aber auch von auswaerts, z.B. von Aurich - in die Sprechstunde. Sie machten dabei ihrem Unwillen und ihrer Verzweiflung Luft ueber die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfuhren. Sie betonten, daß sie, die Juden, seit Generationen in Deutschland gelebt haetten, sich als Deutsche gefuehlt haetten und nicht verstehen koennten, daß man sie jetzt aus diesem Lande vertreiben wolle. Dr. Brunzema erkannte frueh die unerbittliche Konsequenz des Antisemitismus und riet den Juden - schon im Beginn der Nazizeit - auszuwandern. Dazu konnten sich die meisten aber zunaechst nicht entschließen. Sie hofften auf eine Milderung der Rassengesetze. Der 9. November 1938, die sogenannte " Kristallnacht" mit den brennenden Synagogen im ganzen Land, machte dann jedem klar, daß die Ausrottung der Juden bei der Parteifuehrung beschlossene Sache war. Mehrere Juden, die in dieser Nacht angeschossen oder sonstwie verletzt waren, kamen am Morgen nach dieser Nacht in die Praxis. Unter diesen war eine juedische Frau - Prau Pels aus der Großen Straße - Sie kam in Hausschuhen ins Wartezimmer. Im Sprechzimmer bat sie um die Erlaubnis, ihre Tochter in Groningen anrufen zu duerfen. Das geschah. Frau Pels suchte ihre Tochter, die offenbar von den Vorgaengen der letzten Nacht schon einiges gehoert hatte, zu beruhigen, indem sie ihr am Telefon vormachte:
Uns geht es sehr, sehr gut. Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Es zieht nur etwas in unserem Hause." Dabei hatten.S.A. Maenner ihren Mann Louis - 65 Jahre alt - im Dunkeln eine steile Treppe hinunter gestoßen, wobei er sich eine blutende Wunde der rechten Wange und mehrere Quetschungen zugezogen hatte. Ihr selbst hatte man den Unterarm durchschossen. Die Wohnung war demoliert, die Fensterscheiben eingeschlagen worden.

In den folgenden Tagen kamen - meist abends im Halbdunkel - Juden, um sich fuer sie selbst oder ihre Kinder aerztliche Ausweise zum Zwecke einer Auswanderung ausstellen zu lassen. Unter ihnen war auch der juedische Rabbiner Blum aus Emden. Er war besonders darueber empoert, daß S.A. Maenner ihm in der Kristallnacht wertvolle handgeschriebene Buchrollen des Alten Testamentes fortgenommen haetten. Er wollte nach Israel auswandern. Als der Arzt ihm beim Abschied sagte: "Wuenschet Jerusalem Glueck," ueberlegte er einen Augenblick und sagte dann: " Dies Wort steht in den Wallfahrtspsalmen." Dann fiel ihm die Fortsetzung ein:
Es muesse wohlgehen denen, die dich lieben." Mit diesem Psalmwort ( Ps. 122,6 ) verabschiedeten sie sich fuer dieses Leben.

Auch ein Kollege Dr. Kretschmer, Facharzt fuer Magen und Darmkrankheiten, der mit einer Tochter des Warenhausbesitzers Valk verheiratet war, erhielt hier fuer sich und seine Frau die erforderlichen Ausreisepapiere. Man hatte ihn mit vielen anderen Juden aus dem Hause geholt und gezwungen, durch die Straßen der Stadt zu marschieren und dabei zu singen: "Das Wandern ist des Muellers Lust." Er war dann fuer einige Wochen im K. Z. gewesen, wo er koerperlich hart hatte arbeiten muessen. Er erzaehlte, daß er - als Zionist - schon vor der Nazizeit einmal in Palaestina gewesen waere und auch ein gewisses Kapital in englischen Pfunden nach dort gebracht habe. Einige Tage spaeter schrieb er von Venedig eine Abschiedskarte. Er kam gesund nach Palaestina. Weniger gut erging es dem anderen Juedischen Arzt in Emden, Herrn Dr. Goldschmidt. Dieser wurde abtransportiert nach Theresienstadt, ueberlebte aber die Zeit der Inhaftierung und kam nach Kriegsende in die Schweiz. Von dort schrieb er noch einmal an Dr. Brunzema.

Die Einstellung von Dr. Brunzema zum Nationalsozialismus wurde durch seine ablehnende Haltung zu den national-sozialistischen Judengesetzen entscheidend beeinflußt. Dazu kam eine - von manchen Seiten als eng, als " gesetzlich" empfundene - besondere Wertschaetzung der alten zehn Gebote.

Diese waren fuer ihn nicht menschliche Satzungen, die man kritisch beurteilen, ganz oder zum Teil annehmen oder ablehnen konnte, sondern Gebote Gottes, die keine Aufhebung undo keine aenderungen erlaubten. So bedeutete die Anordnung des Reichsjugendfuehrers, daß die H.J. an jedem zweiten Sonntag im Monat vormittags Dienst zu machen habe, fuer ihn die Aufhebung des Gebotes: "Du sollst den Feiertag heiligen."

Noch Ende Februar 1945 bekam er ein Schreiben von dem Banne Emden der H.J. Es lautete:

NSDAP Hitler-Jugend ( 23 ) Emden, am 28.2.45
Bann Emden ( 251 )

Der Bannfuehrer K/5
An Herrn
Dr. med. Brunzema
Eine Beurlaubung ihres Sohnes vom Sonntagsdienst ist nicht moeglich. Auf Anordnung des Jugendfuehrers des Deutschen Reiches hat jeder Jugendliche am 1. und 3. sonntag seiner Jugenddienstpflicht nachzukommen. An den verbleibenden 2. und 4. Sonntag und an den Sonntag nachmittagen duerfte Ihrem Sohn ausreichend Gelegenheit gegeben sein, Gottesdienste zu besuchen.
Heil Hitler!
Kupfer
Obergeff.

Angesichts der Judenverfolgungen und der Mißachtung der 10 Gebote konnten die Worte des Fuehrers von der "Vorsehung" und vom "Herrgott" sowie alle Beteuerungen, die Partei sei nicht antichristlich, und der Fuehrer trete fuer ein "positives Christentum" ein, auf ihn keinen Eindruck machen. Fuer ihn war der Fuehrer nicht der Retter der Nation, nicht ein genialer Staatsmann oder Feldherr, sondern die Verkoerperung des Prinzips des Boesen.

Aus dieser Einstellung heraus erklaert es sich auch, daß er seine Kinder nicht in die Hitlerjugend schicken konnte. Denn in dieser Organisation wurde die Unterweisung der Jugend vom Geist des Antisemitismus und im Gefolge davon vom Geist des Antichristentums bestimmt. Erleichtert wurde ihm seine ablehnende Haltung gegenueber der H.J. dadurch, daß in den amtlichen Werbeanzeigen fuer die H.J. - wenigstens bis 1939 - betont wurde: " Der Beitritt zur Hitler-Jugend ist natuerlich freiwillig. " Was die Partei unter "Freiwilligkeit " verstand, sollte bald offenbar werden.

Am 18. 11.38 begann gegen ihn ein Treiben von seiten der Partei, das mit seiner gerichtlichen Verurteilung am 17.5.39 ein vorlaeufiges Ende fand. Die Durchfuehrung des Verfahrens seitens der Partei zeigt eine gewisse zentrale Leitung und eine folgerichtige, in den angewandten Mitteln wechselnde Methode.

Der Verlauf des Verfahrens.

Am 18. 11.38 rief waehrend der Vormittagssprechstunde ein Herr an. Er nannte sieh Jugendwart Went. Er erklaerte, ihm sei mitgeteilt worden, daß die Kinder von Dr. Brunzema nicht in der Hitler-Jugend seien. Er wolle den Vater der Kinder darauf aufmerksam machen, daß das fuer ihn bedenkliche Folgen haben koenne. Als dieser entgegnete, soviel er wueßte, sei der Eintritt in die H.J. " freiwillig, " antwortete er, dies sei zwar richtig, aber ein Vater, der seine Kinder daran hindere, der H.J. beizutreten, stelle sich gegen den nationalsozialistischen Staat. Wenn er auf seinem Standpunkt verharren sollte, mueßte er damit rechnen, daß ihm das Sorgerecht fuer seine Kinder entzogen und diese in nationalsozialistischen Erziehungshelmen untergebracht wuerden. " Fassen Sie das nicht als leere Drohung auf. Diese Maßnahmen wurden bereits bei den ernsten Bibelforschern in die Tat umgesetzt. Ich habe ihre Akte zu bearbeiten. Es ist auch festgestellt worden, daß Sie seit 1933 nicht geflaggt haben. Sie muessen auch bedenken, daß Sie Kassenarzt sind, damit gewisse Verpflichtungen haben, und daß auch die aerztekammer sich damit befassen kann. " Er sei aber, bevor er Schritte gegen ihn unternehme, zu einer muendlichen Aussprache bereit. Er sei hauptamtlich angestellt bei der Partei und habe Zeit. Er sei auch bereit, zu ihm in die Wohnung zu kommen.

Am 24. 11.38 fand die Aussprache in der Wohnung, Graefin-Theda-Str. 2 statt. An ihr nahmen Herr Jugendwart Went, Dr. Brunzema und seine Frau teil. In der Form war Herr Went hoeflich. Er machte die Eltern aufmerksam auf die Nachteile, die ihren Kindern entstehen wuerden durch die negative Einstellung der Eltern zur H.J., insbesondere was das spaetere Fortkommen betreffe. Gewisse Schwaechen der H.J. gab er zu, entschuldigte sich aber mit dem Mangel an geeignetem Fuehrernachwuchs. Als der Vater ihm erklaerte, daß er lediglich aus weltanschaulichen Gruenden seine Kinder von der H.J. ferngehalten habe, fragte er: " Sie gehoeren wohl zur Bekenntnisfront?" Dieser antwortete ihm: " Ich gehoere zur bekennenden Kirche." Darauf Herr Went: " Mit der Bekenntnisfront weiß ich gut Bescheid. Ich bin gut bekannt mit Herrn Pastor Kloppenburg und Herrn Dr. Fratscher in Hannover. Ich bin fest ueberzeugt, daß Herr Pastor Kloppenburg sein Kind auch in die H.J. schicken wird. Sie wissen nicht, ob Ihre Kinder Ihnen spaeter nicht einen Vorwurf machen werden, ob Ihre Kinder spaeter ueberhaupt Ihre jetzigen Anschauungen teilen werden. Vielleicht werden Sie selbst in 20 Jahren ganz anders denken als heute." Darauf erwiderte Dr. Brunzema, vielleicht werde er, Herr Went, in 20 Jahren auch anders denken als heute. Herr Went meinte, von seiten der Partei werde man mit der Bekenntnisfront gelinder verfahren als mit den ernsten Bibelforschern: Dr. Brunzema sagte, die Weltanschauung, in der die H.J. erzogen werde, sei die Weltanschauung des " Rosenbergschen Mythos," was Herr Went auch zugab. Dr. Brunzema betonte, er habe sich bei der Taufe seiner Kinder verpflichtet, diese christlich zu erziehen oder erziehen zu lassen. Falls vom Staat der Eintritt in die Hitlerjugend "befohlen" wuerde, wuerde er der Obrigkeit untertan sein. Herr Went meinte, die weltanschauliche Schulung trete bei der H.J. kaum zu Tage. In dieser Beziehung sei der Einfluß der Schule weit nachhaltiger und wuerde in naechster Zeit auch noch staerker werden, weil die Lehrer weltanschaulich noch ganz anders geschult wuerden als die H.J. Fuehrei. Im uebrigen sei die Partei nicht antichristlich eingestellt, was schon daraus hervorgehe, daß Goering sein Kind habe taufen lassen. Auf die Frage von Dr. Brunzema, von wo die Meldung ueber ihn gekommen sei, gab er an, die Emder H.J. habe ihm darueber berichtet. Es sei ihm auch mitgeteilt worden, im Gespraech auf dem Schulplatz haetten die Kinder von Dr. Brunzema erklaert, sie seien bereit, in die H.J. einzutreten. Der Vater konnte ihm sagen, daß seine Kinder, soweit er feststellen koennte, kein Verlangen haetten, der H.J. beizutreten. Auf die Frage von Dr. Brunzema, wer ihm mitgeteilt habe, daß er nicht geflaggt habe, antwortete er etwas unsicher: " Das wird wohl auch die H.J. festgestellt haben." Auf die Frage von Dr. Brunzema, was geschehen wuerde, wenn er seine Kinder weiterhin von der H.J. fernhielte, erklaerte er, es koenne sein, daß alles bliebe wie bisher, es koenne auch sein, daß ein Verfahren gegen ihn eingeleitet wuerde mit dem Ziele, ihm das Sorgerecht fuer seine Kinder zu entziehen. Letzteres koenne zur Folge haben, daß ein Pfleger oder ein Vormund ueber seine Kinder bestellt wuerde, der sich vielleicht damit begnuegen wuerde, seine Kinder in die H.J. zu ueberfuehren. Es koenne auch bestimmt werden, daß seine Kinder in national-sozialistischen Erziehungsheimen untergebracht wuerden. Dann sagte er noch, er sei frueher Diakon im Stephanstift in Hannover gewesen. Dorthin koenne er auch jetzt jederzeit gehen. Er werde dort freundlich empfangen. 1933 sei er, zum Leidwesen seiner Eltern, die in Osnabrueck wohnten, anderen Sinnes geworden; er sei in die Partei eingetreten und aus der Kirche ausgetreten. Er bliebe nur bis Ende dieses Monats in Emden, da er zum 1. Januar 1939 in die Reichsjugendfuehrung nach Berlin berufen sei. Er moechte bis Ende Dezember diese Angelegenheit in Ordnung bringen. Was fuer einen Nachfolger er bekommen wuerde, wisse er nicht. Er moechte deshalb Dr. Brunzema raten, baldmoeglichst einzulenken. Die Eltern sollten ihre Stellungnahme in den naechsten Tagen in Ruhe ueberlegen. Er werde am 10. 12. 38 anrufen, um zu erfahren, wie sie sich entschieden haetten. Zum Schluß sagte Dr. Brunzema zu ihm, er habe in der Zentrale in Berlin vielleicht Gelegenheit, fuer das Christentum einzutreten. Darauf antwortete er, er kaeme in eine Abteilung, die mit weltanschaulichen Fragen nichts zu tun habe. Als Dr.
Brunzema ihm sagte, er habe den Eindruck, daß von Seiten der Partei das Christentum in unserem Volke unterdrueckt wuerde, entgegnete er: "Es ist moeglich, daß das Christentum in naechster Zeit in unserem Volke noch weiter zurueckgedraengt wird, - aber das ist meiner Meinung nach kein Schade, denn wir haben fuer das Christentum einen vollwertigen oder besseren Ersatz in der national-sozialistischen Weltanschauung."

Inder Zeitung vom 6.1.39 stand:

Ehrenvolle Berufung nach Berlin

Der Leiter der Kreisstelle " Jugendhilfe" in der Hauptstelle Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe der N.S.V. Pg. Went erhielt zum 1. Januar 1939 eine ehrenvolle Berufung in die Reichs-leitung des D.A. F., Abt. "Jugendamt," Berlin, wo ihm die Lehrlingsheime zur Bearbeitung ueberwiesen worden sind. Seine Arbeit uebernimmt bis zur demnaechstigen Besetzung der Kreisstelle durch den Pg. Wuebbolt, Bremen, der Kreishauptstellenleiter Pg. Ruthmann."

Am 7.12.38 fand in Emden eine geschlossene Lehrersitzung statt. In dieser hielt - wie Dr. Brunzema unter der Hand mitgeteilt wurde, - Herr Went einen Vortrag. Darin haette er unter anderem gesagt: " Die Kinder von Dr. Brunzema sind nicht in der H.J. Ich werde ihn dahin bearbeiten, daß er seine Kinder in die H.J. schickt. Sollte er nicht parieren, werde ich seine Kinder in ein nationalsoziallstisches Erziehungsheim ueberfuehren lassen. Der angebliche Gehorsam der Christen gegenueber der Obrigkeit koenne dazu fuehren, daß ein Christ glauben koenne, auch einer kommunistischen Obrigkeit untertan sein zu muessen. In der Kleinkinder-schule solle man den Kindern lieber nicht erzaehlen von einem Mann, der vor 2000 Jahren 5000 Menschen gespeist habe, sonder besser von dem Mann, der in unserer Zeit taeglich 80 Millionen Menschen speise; Auch nicht von einem Mann, der vor seinem Tode zitterte und zagte, sondern von solchen, die mit erhobenem Haupte in den Tod gegangen seien, wie Schlageter und Horst Wessel.

Am Schluß habe Herr Lehrer Vogd, der mehrere Jahre den Sohn Gerhard von Dr. Brunzema im Unterricht hatte, auch durch die Praxis mit Dr. Brunzema bekannt war und als ein christlicher Lehrer galt, Herrn Went gedankt fuer seine Ausfuehrungen.

Nach den ersten Auseinandersetzungen mit der Partei, als der Jugendwart Went mit Zwangsmaßnahmen gegen die Kinder gedroht und ein Ultimatum bis zum 10.12.38 gesetzt hatte, war den Eltern ein Schreck durch die Glieder gefahren. Sie fuerchteten, daß ihnen ihre Kinder eines Tages von der Straße weg durch Organe der Partei fortgenommen werden koennten. Daraus erklaerte es sich, daß Dr. Brunzema in diesen Tagen den Versuch machte, mit seiner Familie auszuwandern. Brieflich konnte man sich nicht um eine Stellung im Ausland bemuehen, da die Post zensiert wurde. Aber man konnte noch ins Ausland reisen. Dr. Brunzema schrieb an einen Ingenieur G. Figee in Vlissingen, den er von Emden her kannte. Herr Figee war mit anderen hollaendischen Ingenieuren auf den Nordseewerken in Emden beschaeftigt gewesen. Nach der Kristallnacht - dem 8.11.38 - hatten aber fast alle ihren Arbeitsplatz wieder aufgegeben und waren nach Holland zurueckgekehrt. Herr Fige lud ihn freundlich ein und besorgte ihm eine Aufenthaltsgenehmigung von dem hollaendischen Polizeikommissar. Etwa 8 Tage war Dr. Brunzema Gast bei der Familie Figee in Vlissingen. Er hatte gehofft, in Holland eine Assistentenstelle an einem Krankenhaus oder an einem wissenschaftlichen Institut zu bekommen. Er besprach sich mit fuehrenden christlichen Persoenlichkeiten, mit aerzten, mit Theologen. Er fand aber bei diesen kein Verstaendnis fuer seine Lage. Man verfolgte die Entwicklung in dem Deutschland nach dem Umsturz von 1933 mit lebhaftem, aber kuehlem Interesse. Man war gespannt, wie sich die Zukunft des Landes weiter gestalten wuerde. Man glaubte nicht, daß im Deutschland Adolf Hitlers Christen um ihres Glaubens willen bedraengt wuerden. Waere Dr. Brunzema Jude gewesen, so haette man ihm geholfen. Von Holland aus konnte Dr. Brunzema auch ohne Gefahr an andere Stellen im Ausland schreiben. So wandte er sich an ein Fraeulein Annchen Voget, die in Hubbard ( Oregon U.S.A. ) wohnte und als Hebamme ein privates Entbindungsheim leitete. Sie war eine Schwester von Pastor Carl Oktavius Voget, der Pastor in Bunde war. Sie war ueber die Lage in Deutschland besser orientiert als die Hollaender, schrieb mehrfach wieder, konnte aber keine Arbeitsmoeglichkeit in den U.S.A. in Aussicht stellen. So verlief die Reise nach Holland ohne ein praktisches Ergebnis. Frau Elisabeth Immer, geb.
v. Orelli, sprach den Eltern in jenen Tagen Mut zu mit dem Spruch: " Wer den Herrn fuerchtet, der hat eine sichere Festung, und seine Kinder werden auch beschirmt. ‚ Sp. 14, 26.

Am 16. 12.38 teilte Dr. Brunzema Herrn Went telefonisch mit: "Meine Stellungnahme zur Hitler Jugend hat sich nicht geaendert. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, sind die wiederholten aeußerungen der Reichsjugendfuehrung, daß der Eintritt in die Hitlerjugend freiwillig sei, nicht zurueckgenommen worden. So bald der Beitritt zur Hitlerjugend vom Staat gefordert wird, werde ich meine Kinder in die Hitlerjugend schicken. Solange der Beitritt freiwillig ist, moechte ich von dem Recht zur Freiheit Gebrauch machen und meine Kinder nicht in die Hitlerjugend schicken."

Darauf erfolgte die Antwort: " In Ordnung. Ich habe dies zur Kenntnis genommen." Noch am selben Tage abends rief der Kreisarzt, Herr Medizinalrat Dr. Winter, an. Er forderte Dr. Brunzema auf, am folgenden Tage zu einer muendlichen Aussprache im Gesundheitsamt - im Gebaeude der Allg. Ortskrankenkasse - zu erscheinen.


Am 17. 12.38 nachmittags erschien Dr. Brunzema auf dem Gesundheitsamt. Im Sprechzimmer des Amtsarztes empfing ihn Herr Medizinalrat Dr. Winter zusammen mit seinem Assistenten Herrn Dr. Balssen. Der Kreisarzt gehoerte, wie wenigstens damals behauptet wurde, der S.S. an ( Gegen Ende der Nazizeit ist er, soviel ich weiß, wieder ausgetreten ). Die Aussprache vollzog sich in hoeflicher Form. Der Kreisarzt teilte Dr. Brunzema mit, das Jugendamt habe gegen ihn beim Vormundschaftsgericht ein Verfahren eingeleitet mit dem Ziele, ihm das Sorgerecht fuer seine Kinder zu entziehen, weil er diese nicht in die Hitler-Jugend geschickt habe. Bevor der Antrag an das Gericht ginge, habe er dazu Stellung zu nehmen und sich dazu zu aeußern. Er wolle hiermit Dr. Brunzema den gutgemeinten Rat geben, seine Halsstarrigkeit fahren zu lassen und seinen Standpunkt zu aendern. Er wisse, daß Dr. Brunzemas Haltung durch weltanschauliche Gruende bedingt sei. Er wolle sich aber mit ihm ueber Weltanschauungsfragen nicht unterhalten, sondern nur hinweisen auf die praktischen Folgen seines Verhaltens. Er muesse bedenken, daß Kinder, die nicht in der H.J. waeren, keine Examina ablegen koennten. Und, wenn bisher gelegentlich Kinder trotzdem - zum Beispiel im Ausland -die Pruefungen gemacht haetten, dann wuerde das in Zukunft verhindert werden.

Emden, Graefin – Thedastr. 2
Juni 1939

von links nach rechts

Friedrich, geb. 17.6.1935
Theodor, geb 1.5.1932
Daniel, geb. 31.3.1930
Gerhard, geb. 6.7. 1927
Johannes, geb 18. 3. 1926
Emma, geb 25.1.1925
Wilhelm geb.2. 2. 1924

"Machen Sie Ihre Kinder nicht zu Maertyrern Ihrer Weltanschauung. Sie wissen nicht, ob Ihre Kinder spaeter Ihre Weltanschauung teilen werden." Der Staat habe ein Interesse daran, daß erbgesunde, begabte Kinder spaeter die entsprechende akademische Laufbahn einschluegen. Er koenne Dr. Brunzema mitteilen, daß schon Gerichtsentscheidungen ergangen seien, in denen den Eltern aus diesen Gruenden das Sorgerecht entzogen sei. Er duerfe sich auch keine allzu große Hoffnung auf Entscheidungen von hoeheren Berufungsinstanzen machen. Es gaebe in Deutschland eine gewisse Anzahl von Nationalsozialisten, die nicht in allen Stuecken mit der Partei mitmachen koennten, wenn dies auch bedauerlich sei - aber der Staat lege Wert auch auf die nicht 100% igen Nationalsozialisten. Auf den Einwand von Dr. Brunzema, der Beitritt zur H.J. sei doch freiwillig, entgegnete er: "Dann fassen Sie es auf als eine freiwilligen Zwang," aehnlich wie es vor dem Weltkrieg einen einjaehrig-freiwilligen Militaerdienst gegeben habe, der dem Namen nach "freiwillig," in Wirklichkeit aber "Zwang" gewesen sei. Er betonte wiederholt, daß er diese Aussprache im Interesse von Dr. Brunzema veranlaßt habe, um ihm den wohlgemeinten Rat zu geben, seine Ansicht zu aendern. Er meinte, Weltanschauung und Politik ließen sich nicht trennen. Dr. Brunzema's Verhalten koenne ihm als "staatsfeindliche Einstellung" ausgelegt werden. Er muesse damit rechnen, daß seine Einstellung ihm ein Ehrengerichtsverfahren bei der aerztekammer einbringen koennte. Im uebrigen wolle der Nationalsozialismus keine neue Religion bringen, auch sei die Lehre Rosenberg's dessen Privatmeinung, wie man ja daran erkennen koenne, daß Goering sein Kind habe taufen lassen. Dr. Brunzema erwiderte, daß er dies Verhalten als eine Inkonsequenz empfaende. Zum Schluß gab der Medizinalrat Dr. Brunzema eine Frist von drei Tagen, um sich die Sache mit seiner Frau noch einmal zu ueberlegen.

Am 21. 12.38 gab Dr. Brunzema dem Medizinalrat, Herrn Dr. Winter, die gleiche Antwort, die er am 16.12. Herrn Went gegeben hatte.

Am 29. 12.38
wurde Dr. Brunzema zitiert zum Vorsitzenden des Arztevereins, Herrn Dr. Robert Meyer, ins Buero des aerztevereins am Brauersgraben. Er wurde unfreundlich empfangen. Der Ton der Aussprache war hart - wie im Unteroffiziersstil.

Herr Dr. Meyer war, wie auch Dr. Brunzema, als Student Mitglied der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung gewesen, vor Jahren aber schon aus dem Altfreundekreis dieses Verbandes ausgetreten.

Er teilte Dr. Brunzema mit, daß er durch den Kreisarzt ueber ein gegen Dr. Brunzema eingeleitetes Verfahren unterrichtet sei. Als Leiter der aerztlichen Bezirksstelle muesse er darueber auch Bescheid wissen. Genaueres schien er aber darueber nicht zu wissen, da er von Maßnahmen zu einer " Fuersorgeerziehung" sprach. Er fragte Dr. Brunzema, ob er wueßte, daß ein Verfahren gegen ihn eingeleitet sei. Dieser entgegnete, daß er vom Gericht bisher keine Mitteilung erhalten habe. Dr. Meyer erwiderte: " Sie wissen es aber durch die Mitteilung des Kreisarztes." Wenn er seine Kinder in christlichem Sinne beeinflußen wolle, koenne er das zu Hause tun. Er selbst hielte zu Hause auch das Tischgebet und schicke seine Kinder in den Kmdergottesdienst. Spaeter wuerde er seine Kinder selbstverstaendlich in die H.J. schicken. Auch heute gelte noch das Wort des Fuehrers vom " positiven Christentum" aus dem Parteiprogramm, und auf dies Wort koenne man sich verlassen. Der N.S. Staat sei nicht antichristlich eingestellt, was man schon daraus ersehen koenne, daß Goering sein Kind habe taufen lassen, wobei Adolf Hitler Pate gewesen sei. Als Dr. Brunzema bemerkte, der Beitritt zur H.J. sei doch freiwillig, antwortete Dr. Meyer in erregtem Ton: " Das Wort von der Freiwilligkeit ist hier gar nicht am Platze." Der Fuehrer hat die H.J. als die Jugendorganisation des deutschen Volkes geschaffen und, wer davon keinen Gebrauch machen will, gibt damit seine staatsfeindliche Einstellung zuerkennen." Als Dr. Brunzema bemerkte, daß er aus weltanschaeulichen Gruenden seine Kinder nicht in die H.J. schicke und politisch sich neutral verhielte, bekam er zur Antwort: " Eine Neutralitaet gegenueber dem Staat gibt es nicht. Man ist entweder fuer oder gegen den Staat." Seine Einstellung zum Staat ginge schon daraus hervor, daß er den Hitlergruß nicht anwende. Dr. Meyer wies dann darauf hin, daß Dr. .Brunzema sich nicht weigere, die Segnungen des N.S. Regimes, z.B. das Kindergeld, fuer sich in Anspruch zu nehmen, dem Fuehrer aber die Gefolgschaft verweigere, wenn er seine Kinder nicht in die H.J. schicke. Er solle sich klar machen, daß, wenn das Gericht gegen ihn entscheiden sollte, er damit als " politisch unzuverlaessig" hingestellt sei, und dies weitere Folgen nach sich ziehen wuerde. Als Dr. Brunzema fragte, worin diese bestehen wuerden, erklaerte Dr. Meyer, das wuerde die Entziehung der Kassenpraxis bedeuten. Der Schluß der Unterredung war: " Ich warte ab. Sie sind gewarnt. Überlegen Sie sich, was Sie zu tun haben."

Etwa zehn Tage war Ruhe. Dann ging folgendes Schreiben bei Dr. Brunzema ein:

Der Oberbuergermeister der Stadt Emden - Jugendamt - Abt. W II -
Dat. 7.1.1939
Herrn
Dr. med. Brunzema
in Emden
Zw. bd. Bleichen

Sie und Ihre Ehefrau werden gebeten, Montag, den 9. ds. Mts. 12 1/2 Uhr, im Amtszimmer des Unterzeichneten ( Zimmer 32 des Gasthauses ) zu einer wichtigen Besprechung vorzukommen.
Heil Hitler!
In Vertretung:
Meyer - Degering.


Am 9.1.39
fand die Sitzung im Gasthaus Zimmer 32 statt. Herr Buergermeister Meyer-Degering begann die Besprechung. Die Erschienenen wußten wohl, um was es sich handele. Er wolle als Vertreter des Jugendamtes noch einmal mit ihnen Ruecksprache nehmen, bevor der Antrag auf Entziehung des Sorgerechts an das Vormundschaftsgericht weitergeleitet werde. Seine Hauptgruende waren:
Durch die Weigerung, die Kinder in die H.J. zu schicken, wuerde diesen spaeter das Fortkommen fast unmoeglich gemacht. Die Hitlerjugend sei durch ein Staatsgesetz eingefuehrt, und es sei der Wille des Fuehrers, daß die deutsche Jugend in der H.J. erzogen wuerde. Er gab al]erdings zu, daß der Beitritt zur H.J. freiwillig sei. Er wußte, daß die Eltern sie aus religioesen Gruenden von der H.J. fernhielten. Durch die ablehnende Haltung gegenueber der H.J. und durch die Tatsache, daß Dr. Brunzema nicht flagge, sei klar, daß seine Kinder nicht im nationalsozialistischen Sinne erzogen wuerden.

Er selbst sei Pastorensohn, aber ihm seien derartige Bedenken nie gekommen, und er fuehle sich wohl bei der nationalsozialistischen Weltanschauung. Von einem Pastoren koenne er sich allerdings solche Bedenken vorstellen, aber es sei ihm kein Pastor bekannt, der so eingestellt sei wie die Erschienenen. Er habe die Frau von Dr. Brunzema mit zur Besprechung gebeten, um festzustellen, ob sie auf demselben Standpunkte stehe wie ihr Mann. Falls das nicht der Fall sei, koenne die Frau als Pfleger fuer die Kinder bestellt werden, um diese in die H.J. zu ueberfuehren. Frau Brunzema betonte, daß sie auf demselben Standpunkt stehe wie ihr Mann. Dr. Brunzema sagte: " Ich bemuehe mich, meine Kinder in christlichem Sinne zu erziehen und schicke sie zur Kirche, zum Kindergottesdienst und zum evangelischen Jugenddienst." Herr Buergermeister Meyer-Degering erwiderte: " Sie koennen zu Hause ihre Kinder in christlichem Sinne beeinflussen. Die Partei steht auf dem Boden des " positiven Christentums."

Dr. Brunzema sagte dann, Luther habe gesagt: "Wo nicht die Heilige Schrift regiert, da halte ich es nicht fuer geraten, seine Kinder hinzutun' und in der Hitleriugend regiere nicht die Heilige Schrift, sondern der Geist des Rosenberg'schen Mythos. Im Gespraech mit anderen Kindern, bemerkte Herr Buergermeister Meyer-Degering, haetten Brunzemas Kinder gesagt, sie seien bereit, in die H.J. einzutreten. Als Dr. Brunzema antwortete, die Kinder haetten ihren Eltern gegenueber sich anders geaeußert, meinte er, daß er dies Verhalten der Kinder sich wohl erklaeren koenne bei dem Geiste, der in diesem Hause regiere. Er meinte, die Kinder wuerden den Eltern gegenueber nicht ihre wahre Meinung sagen. Zum Schluß las er den Eltern die Begruendung eines Urteils gegen ernste Bibelforscher vor, denen auch das Sorgerecht fuer ihre Kinder entzogen sei, weil sie diese nicht in die H.J. geschickt haetten. Dabei kam besonders zum Ausdruck, daß die Kinder, die in diesem Falle schon 14 Jahre alt waren, infolge ihres Alters dem Einfluß der Schule entzogen seien und nun in Gefahr stuenden, jede Beruehrung mit nationalsozialistische im Gemeinschaftsgeist zu verlieren.

Mit dem zustaendigen Vormundschaftsrichter - Herrn Amtsgerichtsrat v. Steuber - habe man auch schon Ruecksprache genommen. Dieser warte nur darauf, daß der Antrag ihm eingereicht wuerde. Dann legte er den Eltern noch nahe, probeweise eins ihrer Kinder - vielleicht den aeltesten, weil die anderen vielleicht zu zart waeren - in die H.J. zu schicken. Wenn es den Eltern nicht gefiele, koennten sie diesen ja wieder abmelden.

Dr. Brunzema sagte zum Schluß, es handele sich um die Entscheidung der Frage, ob Eltern, die sich bemuehten, ihre Kinder in christlichem Sinne zu erziehen und die Gesetze des Staates zu achten, das Sorgerecht fuer ihre Kinder entzogen werden koenne. Er glaube nicht, daß man ihm die Übertretung eines Gesetzes nachweisen koenne.

DAS URTEIL DES VORMUNDSCHAFTSGERICHTES, EMDEN

Der Paragraph 1666 BGB, das dem Urteil zu Grunde liegt, hat folgenden Wortlaut: "Wird das geistige oder leibliche Wohl des Kindes dadurch gefaehrdet, daß der Vater oder die Mutter das Recht der Sorge fuer die Person des Kindes mißbraucht, das Kind vernachlaessigt oder sich eines ehrlosen oder unsittlichen Verhaltens schuldig macht, so hat das Vormundschaftsgericht die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßregeln zu treffen. Das Vormundschaftsgericht kann insbesondere anordnen, daß das Kind zum Zwecke der Erziehung in einer geeigneten Familie oder in einer Erziehungsanstalt untergebracht wird"

Am 6. Februar 1939
traf die Anklageschrift des Amtsgerichts Emden 3 BX 490, datiert vom 2.2.39 bei Dr. Brunzema ein. Er besprach sich mit Herrn Pastor Goehler - Emden und erhielt von diesem wertvolle Hinweise und Ratschlaege.

Am 14. 2. 39
hatte er eine Besprechung mit Herrn Amtsgerichtsrat v. Steuber.

Am 15.2. 39
suchte er Herrn Rechtsanwalt Tammena in Emden auf. Mit diesem war er bekannt. Er traf
ihn aber nicht an, dafuer seinen Stellvertreter Herrn Rechtsanwalt van Scharrel. Diesem trug er den Sachverhalt vor, gab ihm die Anklageschrift und bat ihn, die Verteidigung zu uebernehmen. Nachdem der Rechtsanwalt die Anklageschrift gelesen hatte, wurde er anscheinend etwas verlegen und gab zum Erstaunen von Dr. Brunzerna Erklaerungen ab ueber die Schwierigkeiten eines solchen Falles. Er muesse Dr. Brunzema darauf aufmerksam machen, daß die Aussichten fuer eine erfolgreiche Verteidigung gering seien, daß er vielmehr mit seiner Verurteilung rechnen muesse, und daß fuer einen Rechtsanwalt ein solcher Fall eine undankbare Aufgabe sei, so daß Dr. Brunzema schließlich sagte: "Sie verteidigen ja nicht mich, sondern sich. Ich habe den Eindruck, Sie moechten lieber auf eine Verteidigung meiner Sache verzichten." Das bejahte er dann auch und bemerkte dazu: "Sie muessen bedenken, daß ich dem Verein der N.S. Rechtswahrer angehoere."

So trennten sie sich. Es war damals nicht leicht, einen Rechtsanwalt zu finden, der nicht der Partei oder einer Parteiorganisation angehoerte. Dr. Brunzema erfuhr aber, daß in Neuenhaus im Kreise Bentheim ein Rechtsanwalt Hans Arends wohne, der nicht parteigebunden sei.

Am 21. 2. 39
suchte er diesen in Neuenhaus auf. Er wurde freundlich aufgenommen, und Herr Rechtsanwalt Arends erklaerte sich bereit, ihn vor dem Amtsgericht in Emden zu vertreten. Es wurde einSchreiben an das Amtsgericht abgefaßt. Dieses wurde am 23. 2.39 abgeschickt und hatte folgenden Wortlaut:

A B S C H R I F T.

Emden, den 23. Februar 1939

An
das Amtsgericht,
Emden / Ostfriesland.

Zu dem Schreiben des Amtsgerichts 3 B X 490 vom 2.2. 1939 erlaube ich mir folgendes zu bemerken: In dem Schreiben des Amtsgerichts wird geltend gemacht, daß der § 1666 BGB auf die Frage der Zugehoerigkeit zur Hitler-Jugend anzuwenden sei, und daß bei einer Fernhaltung der Kinder von der II.J. die Entziehung des Sorgerechts zu einem gewissen Teil rechtlich begruendet sein koennte.

Nach meinem Rechtsempfinden soll der § 1666 BGB Anwendung finden auf Faelle schwerer Verwahrlosung oder Mißhandlung von Kindern, deren Eltern sich gegen staatliche Gesetze schwer vergangen haben oder selbst verwahrlost sind, so daß die Kinder gegen verwahrloste Eltern geschuetzt werden muessen. Ich glaube, daß der § 1666 in diesem Sinne nicht in Frage kommen kann. -

Ich habe mich bereit erklaert, meine Kinder in die H.J. zu schicken, sobald der Beitritt zur H.J. vom Staat gefordert wird. Eine dahingehende Anordnung des Staates ist bisher nicht erfolgt. Im Gegenteil ist wiederholt von maßgebender Stelle oeffentlich erklaert worden, daß der Beitritt zur H.J. freiwillig sei. Diese Bekanntmachung fasse ich in der Weise auf, daß der Staat es seinen Angehoerigen freistellt, ob sie von der Einrichtung der H.J. Gebrauch machen wollen oder nicht. Die Tatsache der Freiwilligkeit des Beitritts zur H.J. wurde mir auch von dem hiesigen Jugendamt und von dem Amtsarzt bestaetigt. Es ist darum unmoeglich, Eltern, die ihre Kinder nicht in die H.J. schicken, deswegen den Vorwurf einer Mißachtung oder Verletzung von staatlichen Gesetzen oder Anordnungen zu machen. Es ist deshalb meines Erachtens auch nicht erlaubt, in der Fernhaltung der Kinder von der H.J. einen Mißbrauch des Sorgerechts der Eltern im Sinne einer Mißachtung von staatlichen Gesetzen oder Anordnungen zu erblicken.

Der § 1666 BGB soll das geistige und leibliche Wohl der Kinder schuetzen. Ich darf hierzu geltend machen, daß ich bei der Erziehung meiner Kinder in erster Linie bemueht bin, das geistige und das leibliche Wohl meiner Kinder zu schuetzen. Meine Einstellung in der Frage der Erziehung meiner Kinder wird bestimmt durch meine Einstellung als Christ. Danach wird- das geistige und leibliche Wohl der Kinder geschuetzt, wenn sie auf Grund der Zeugnisse der Bibel erzogen werden "in der Zucht und Vermahnung zum Herrn," wozu ich mich auch besonders verpflichtet habe bei der Taufe, in der ich versprochen habe, meine Kinder " in dem Worte Gottes zu unterweisen und unterweisen zu lassen." Diese religioes begruendete Einstellung hat mich gezwungen, von dem Recht der Freiwilligkeit Gebrauch zu machen und meine Kinder nicht in die H.J. zu schicken. Denn die H.J. steht unter einem anderen religioes-weltanschaulichen Einfluß. Die Worte des Reichsjugendfuehrers Baldur von Schirach " Der Weg der deutschen Jugend ist der Weg Alfred Rosenberg's" sind, wie ich glaube, mit Recht so gedeutet worden, daß die Weltanschauung Alfred Rosenbergs, wie sie in seinen Buechern; " der Mythos des XX. Jahrhunderts" und " Protestantische Rompilger" zum Ausdruck kommt, fuer die Schulung der H.J. maßgebend sein soll. Diese Weltanschauung richtet sich aber gegen grundlegende Wahrheiten des Christentums - z. B. gegen das biblische Gesamtzeugnis von Jesus Christus, dem Sohne Gottes, gegen das Alte Testament, gegen den Apostel Paulus. Aus Verantwortung gegenueber Gottes Gebot und aus erzieherischen Gruenden hielt ich es nicht fuer erlaubt, meine Kinder vor vollendeter Reife den hier entstehenden Konflikten auszusetzen. -

Im Einzelnen waere es z.B. zu solchen Konflikten gekommen in der Frage der Sonntagheiligung. Ich weiß mich durch Gottes Gebot verpflichtet, meine Kinder zum Besuch des sonntaeglichen Gottesdienstes anzuhalten. Andererseits steht fest, daß der Sonntagvormittag verschiedentlich zu Dienstuebungen in der H.J. gebraucht wird. -

Wenn auch eine Anordnung des Reichsjugendfuehrers vorliegt, daß grundsaetzlich der Sonntag dienstfrei bleiben soll, so wird diese Anordnung, wie bewiesen werden kann, sowohl in Emden wie auch in anderen Orten nicht immer beachtet. -

Eine aehnliche Not waere entstanden bei den ueblichen eidlichen Verpflichtungen in der H.J.
Ich halte es fuer meine Christenpflicht, unnoetiges Schwoeren und besonders das Schwoeren von Kindern zu vermeiden, die die Tragweite eines Eides oder einer eidesaehnlichen Verpflichtung nicht beurteilen koennen. -

Wie aus Vorstehendem ersichtlich ist, war fuer die Entscheidung, seine Kinder nicht in die H.J. zu schicken, nicht Gleichgueltigkeit oder boeswilliger Mißbrauch der Elternpfllcht bestimmend, sondern im Gegenteil das Gefuehl fuer die Verantwortung, die christlichen Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder durch Gott auferlegt ist. Von einem Mißbrauch des Sorgerechts der Eltern kann deshalb auch in dieser Hinsicht nicht gesprochen werden, zumal der Staat grundsaetzlich die Duldung jeder religioesen Überzeugung zugesagt hat.

Bei allem Gehorsam, den ich dem Staate zu leisten mich verpflichtet weiß, fuehle ich mich als Christ in dieser Frage gebunden durch Gottes Gebot und glaube verpflichtet zu sein, bei meiner bisherigen Haltung zu verbleiben, solange die Freiwilligkeit des Beitritts besteht. -

Dr. Brunzema

Mit gleichem Datum richtete Herr Rechtsanwalt und Notar Hans Arends ein Schreiben an das

Amtsgericht, Vormundschaftsgericht. in Emden.
Es hatte folgenden Wortlaut:

Neuenhaus, den 23. Febr. 1939 Kreis Bentheim,

An
das Amtsgericht, Vormundschaftsgericht,
Emden / Ostfriesland.

Aktenzeichen 3 B X 490 ST.

In der.Vormundschaftssache Brunzema uebersende ich anliegend Vollmacht von Herrn Dr. Brunzema und trage folgendes vor:
Das Vormundschaftsgericht koennte der vom Jugendamt Emden gegebenen Anregung nur entsprechen, wenn die Voraussetzungen des § 1666 BGB als vorliegend erachtet werden: Der Herr Vormundschaftsrichter hat in dieser Frage bereits schriftlich und muendlich mit Herrn Dr. Brunzema verhandelt. Dem Wunsche des Vormundschaftsgerichts um eine schriftliche Stellungnahme entspreche ich, indem ich die persoenliche Begruendung von Herrn Dr. Brunzema anliegend beifuege. -

Das Gericht wird die Frage zu entscheiden haben,

1. Ob die Fernhaltung der Kinder von der H.J. ein Grund ist, um auf Herrn Dr. Brunzema den § 1666 BGB anzuwenden, der bisher auf solche Eltern angewandt wurde, denen der Makel sittlicher Verwahrlosung oder staatsfeindlich eingestellter Gesinnung anhaftete.
2. dies Herrn Dr. Brunzema erlaubt ist, sich in dieser Frage auf die wiederholt bekanntgegebene Freiwilligkeit des Beitritts zur H.J. zu berufen.
3. ob der § 1666 BGB dann Anwendung finden kann, wenn Herr Dr. Brunzema lediglich aus religioesen Gruenden seine Kinder nicht in die H.J. geben kann. -

Rechtlich sei noch auf Folgendes hingewiesen:
Eine gleichliegende Entscheidung ist bisher von den Gerichten noch nicht getroffen. Die beiden ergangenen Entscheidungen weichen in zwei wesentlichen Punkte von dem hier vorliegenden Fall ab, da sie zur Voraussetzung hatten:

1. daß die Eltern eine staatsfeindliche Gesinnung bezeugt hatten,
2. daß die Eltern erklaert hatten, sie wuerden auch einem staatlichen Gesetz nicht Folge leisten. -

Diese beiden Voraussetzungen liegen aber hier nicht vor, wie auch nicht behauptet wird. -Insoweit wird auf die anliegende Eingabe von Herrn Dr. Brunzema verwiesen. -

gez. Hans Arends
Rechtsanwalt


Am 5.4.39 traf der nachstehende Beschluß des Amtsgerichts Emden bei Dr. Brunzema ein:


Amtsgericht 3 B X 490 St. Emden, den 15. Maerz 1939

BESCHLUSS

Das dem Arzt Dr. med. Brunzema in Emden, Zwischen beiden Bleichen 5, hinsichtlich seiner Kinder

1. Wilhelm Brunzema‚ geb. 5.2.1924
2. Emma Brunzema‚ geb. 24.1.1925
3. Johannes Brunzema‚ geb. 18.3. 1926
4. Gerhard Brunzema‚ geb. 6.7.1927

zustehende Recht der Sorge fuer die Person wird insoweit eingeschraenkt, als die Bestimmung darueber, ob die genannten Kinder der Jugendbewegung ( H.J., D.J., B.D.M. ) beitreten sollen, dem Vater entzogen und einem noch zu bestellenden Pfleger uebertragen wird.

GRÜNDE:

Dem als praktischer Arzt mit gutgehender Praxis in Emden wirkenden Dr. Brunzema ist mehrfach, so von der hiesigen Ortsstelle der Reichsaerzteschaft, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Jugendamts und dem Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes nahegelegt worden, den Beitritt seiner im entscheidenden Teil genannten Kinder zu den Jugendorganisationen zu gestatten. Er weigert sich dessen, da er es nicht verantworten zu koennen glaubt, seine Kinder anstatt in der in seinem Hause die Tradition bildenden Christlichen Weltanschauung in derjenigen Weltanschauung erziehen zu lassen, die in den Jugendverbaenden nach Anweisung des Reichsjugendfuehrers die maßgebende sei und die man mit dem Namen Alfred Rosenberg's kennzeichen koenne. Er bringt ferner vor, daß von den leitenden Stellen wiederholt auf die Freiwilligkeit des Beitritts zu H.J. usw. hingewiesen worden sei; sobald gesetzliche Anordnung die Einreihung aller Kinder in die Jugendverbaende fordere, werde er nicht einen Augenblick zoegern, ihr nachzukommen.

Der Bezugnahme des Oberbuergermeisters ( J.A. ) in Emden auf § 1666 BGB begegnet Dr. Brunzema mit folgenden Ausfuehrungen:
Das geistige Wohl seiner Kinder zu foerdern, sei er selbst in erster Linie berufen und seine Einstellung in der Frage der Kindererziehung sei ihm durch seine Eigenschaft als Christ vorgeschrieben. Bei dieser Einstellung.werde das geistige Wohl seiner Kinder am besten gefoerdert durch ein Verhalten, durch das sein Versprechen, seine Kinder im Worte Gottes zu unterweisen und unterweisen zu lassen," eingeloest werde.

Der Spalt, der zwischen der Weltanschauung eines Christen - - so der Anerkennung des Gesamtzeugnisses der ganzen Bibel fuer die Person des Heilandes, ferner der Anerkennung des A postels Paulus - - und der Rosenbergschen Weltanschauung bestehe, sei so tief, daß aus erzieherischen Gruenden Bedenken dagegen bestaenden, die Kinder vor vollendeter Reife den hier entstehenden Konflikten auizusetzen; ferner sei die Heilighaltung des Sonntag zwar durch die Reichsjugendfuehrung angeordnet, doch werde dies Gebot nicht immer befolgt.
Nicht Gleichgueltigkeit oder Mißbrauch seiner Vaterpflicht, sondern gerade Verantwortungsgefuehl und Erkenntnis der Pflichten, die christlichen Eltern in der Kindererziehung oblaegen, seien die Grundlage seines Verhaltens.

Im Einzelnen wird auf die Eingabe des Vaters vom 23.2.39, die eine Erklaerung auf die Verfuegung des Richters vom 2. 2. 39 enthaelt, Bezug genommen.

Es kann uneroertert bleiben, ob die Zugehoerigkeit des Dr. Brunzema und seiner Familie zu den Bekenntnischristen," mit welchem Worte heute mancher Mißbrauch getrieben wird, sein Verhalten erklaert: Es gibt unzaehlige anstaendige Menschen, die der deutschen Volksgemeinschaft nur zu Ehre gereichen und dennoch dem Bekenntnis Luthers oder der anderen Reformatoren treu geblieben sind, die auch dem Vaterlande im Falle der Not besser die Treue halten werden, als etwa solche, die entweder zum Zweck der Steuerersparnis oder aus Gleichgueltigkeit der Kirche den Ruecken kehren.

Der Irrtum des Dr. Brunzema, der zu dem vorstehenden Beschluß fuehren muß, liegt auf einem anderen Gedankengebiet. Er haelt offenbar die Jugendbewegung, anknuepfend an die viel eroerteten Schriften Rosenbergs, fuer irreligioes. Das ist sie jedoch ebensowenig wie der Nationalsozialismus selbst. Es ist nicht nur einer der Programmpunkte des Nationalsozialismus, daß er auf dem Boden des positiven Christentum steht; er setzt die Lehre des Christentums auch in die Tat um, indem er nicht nur die Religionsfreiheit verbuergt, sondern darueber hinaus in charitativen Werken, die zu den Hauptpunkten der christlichen Lehre gehoeren, Unerhoertes leistet.

Die Fuehrung des Reiches, das von dem Nationalsozialismus getragen wird, weiß sehr wohl, daß Atheimus zum Nihilismus und damit zum Ende mit Schrecken fuehren muß. Sie bekennt sich daher auch zu den erlauchtesten Geistern des deutschen Volkes, die nicht das gewesen waren, was sie waren, haette nicht ein goettlicher Funke in ihnen gelebt. Der toerichterweise oft als Heide " bezeichnete weltumspannende Goethe ist in zahllosen Ausspruechen dessen Zeuge. Wenn er sich auch nicht in die Enge eines Dogmas einspannen laeßt, so sieht er doch in allem Geschehen die goettliche Fuegung und spricht es aus, daß die Menschen - und das gilt auch von den Nationen - nur solange produktiv sind, als sie religioes sind. Was von dem Olypier" gilt, fuer den " alle diejenigen auch fuer dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen," gilt auch fuer die anderen Großen, zu denen sich das deutsche Volk mit Stolz bekennt, seien es die Großen des Geistes, ein Beethoven, ein Haydn, ein Bruckner, oder die Großen im Gebiete der Staatsfuehrung, wie der aufrichtige, glaeubige Bismarck. Das deutsche Volk wird und kann sich von diesen zeitlosen Gestalten nicht lossagen, will es nicht in Niederungen herabsteigen, die zum Abgrunde fuehren.

Diese Ausfuehrungen waren zu machen, um an ihnen zu zeigen, wie abwegig es ist, von denjenigen Organisationen, in denen die Zukunft des deutschen Volkes liegt, eine Foerderung des Unglaubens zu erwarten. Alles andere, was Dr. Brunzema vorbringt, ist fuer die. Entscheidung nicht von Erheblichkeit. Die Zugehoerigkeit seiner Kinder zu den Jugendverbaenden wird ihn nicht daran hindern, sie in der christlichen Lehre weiter zu unterweisen oder unterweisen zu lassen. Die der D.J. angehoerigen Knaben werden, wie dem unterzeichneten Richter bekannt ist, an den Sonntagen nicht vom Dienst in Anspruch genommen oder gar von dem Besuch des Gottesdienstes abgehalten. Wenn es tatsaechlich gelegentlich vorkommen sollte, daß einmal an einem Sonntag Dienst angesagt wird, so sei dazu bemerkt, daß es einem glaeubigen Christen weniger wichtig sein sollte, ob man jeden Sonntag den Gottesdienst besucht, was manche, die das Christentum nur mit den Lippen bekennen, mit großer Wichtigkeit tun, als daß die Lehren des Christentums in den jugendlichen Seelen auch tatsaechlich Wurzel fassen. Daß das durch die Jugendverbaende verhindert wuerde, davon vermag die Einlassung des Dr. Brunzema nicht zu ueberzeugen. Es ist aber auch die Pflicht eines jeden mit Kindern gesegneten Staatsbuergers, dem Staat zu geben, was des Staates ist, auch in der Frage der Beteiligung des Staates oder seiner Bewegung an der Erziehung. Das Leben ist ein Kampf, und das gilt fuer Deutschland in erhoehtem Maße. Seine geographische Lage noetigt es, zur Sicherung und zum Ausbau dessen, was in gut 6 Jahren seit der Überwindung der tiefsten Erniedrigung gewonnen wurde, alle Kraefte zusammenwirken zu lassen, ueber die es verfuegt. An diesem Zusammenwirken teilzunehmen, sind die Kinder solcher Volksgenossen, die in der Lage sind, ihnen eine bessere Schulausbildung zu gewaehren als viele andere, in erster Linie berufen. Sie sollen einstmals in der Volksgemeinschaft fuehrende Stellen einnehmen und koennen das nur, wenn sie in der Volksgemeinschaft aufwachsen.

Wenn nun Dr. Brunzema, dessen Kinder nach der Stellungnahme der N.S. -Jugendhilfe geistig regsam und erbbiologisch wertvoll sind, diese Kinder von der Dienstleistung in der Jugendbewegung abhaelt, so mißbraucht er sein Sorgerecht. Es mag ihm zugegeben werden, daß er des guten Glaubens ist, er koenne als glaeubiger Christ nicht anders handeln; es wurde jedoch gezeigt, daß dieser gute Glaube auf einem Irrtum beruht. Dr. Brunzema mag auch annehmen, daß seine Kinder seiner vaeterlichen Erziehung durch die Zugehoerigkeit zur Jugendbewegung teilweise entgleiten koennten; dem kann und wird er dadurch begegnen, daß er ihnen das Leben, das er von ihnen als jungen Christen erwartet, vorlebt. Gutes Beispiel ist auf kindliche Seelen stets von Einfluß, wenn der Erzieher zugleich an sich selbst arbeitet.

Nach dem Ausgefuehrten war die vorstehende Entscheidung zu erlassen. Sie mag eine Haerte bedeuten gegenueber einem Mann in der Stellung, wie sie Dr. Brunzema durch seine Faehigkeiten sich erworben hat. Sie ist aber unumgaenglich, da alleinige Richtschnur des Vormundschaftsrichters das Wohl der Kinder zu sein hat, und die Gefaehrdung des geistigen Wohles der Kinder Brunzema durch den Vater hier dargelegt worden ist.

gez.: von Steuber

Ausgefertigt:
gez.: Remmers, Justizangestellter als Urkundenbeamter der Geschaeftsstelle


ABSCHRIFT


Der Oberbuergermeister der Stadt Emden
- Jugendamt -

An das
A m t s g e r i c h t,

Emden

Ihre Nachricht Ihre Zeichen
3 B X 490 St.
Abtl. Tag
W. 1. 22.6.1939

In Sachen betr. Sorgerechtentziehung ueber die Kinder Brunzema teile ich mit, daß nach meiner Feststellung die Kinder noch nicht der H.J. angehoeren. Die Voraussetzung fuer die Sorgerechtentziehung ist nach wie vor gegeben. Ich bitte, den vorgeschlagenen Pfleger zu bestellen, damit er sein Amt uebernehmen kann.

In Vertretung

gez.: Meyer-Degering.



Emden, den 26. Juni 1939
Das Amtsgericht.
3 B X 490 St.


An
Herrn Dr. med. Brunzema

in Emden

Vorstehende Abschrift wird Ihnen zur Erklaerung binnen einer Woche ab heute uebersandt.

gez.: von Steuber.

Beglaubigt:
Justizangesteliter.



Das Amtsgericht Emden forderte Dr. Brunzema auf, sich zu diesem Mahnschreiben des Jugendamtes innerhalb einer Woche zu aeußern.

Noch im Februar 1939 wurde in einem Aufruf des Reichsjugendfuehrers Baldur v. Schirach an die Eltern der Jungen und Maedel des Jahrganges 1928 / 29 von Groildeutschland" der Eintritt in die H.J. als " freiwillig bezeichnet, und die Reichsjugendpresse schrieb dazu: "Wie in den vergangenen Jahren werden die Jungen und Maedel diesem Ruf aus freiem Willen Folge leisten, ohne daß das Gesetz ueber die Hitleriugend auch nur den geringsten Zwang ausueben wuerde."

Zwei Monate spaeter aenderte sich die Lage. Im April 1939 wurden durch ein neues Gesetz alle Eltern verpflichtet, ihre Kinder fuer die H.J. bzw. den B.D.M. anzumelden.

Auf die Aufforderung des Amtsgerichts an Dr. Brunzema, sich zu dem Schreiben des Jugendamtes zu aeußern, schrieb Dr. Brunzema nach vorheriger Fuehlungnahme mit seinem Rechtsanwalt - am 1. 7. 1939:

Emden, den 1.7.1939 Dr. Brunzema

Emden
Zwischen bd. Bleichen 5
Fernruf 3468

An
das Amtsgericht
Emden

Zu 3 B X 490 St.

Die Voraussetzung fuer die Entziehung des Sorgerechts hat sich geaendert. Ich habe immer erklaert, daß ich einer gesetzlichen Anordnung Folge leisten wuerde. Nachdem nunmehr durch Gesetz geregelt ist, daß die Eltern verpflichtet sind, ihre Kinder zur H.J. bzw. zum B.D.M. anzumelden, werde ich dies tun, sobald der Zeitpunkt mitgeteilt ist, an dem nach dem Gesetz diejenigen Kinder angemeldet werden sollen, die bisher von den obigen Organisationen nicht erfaßt sind. Der Bestellung eines Pflegers bedarf es meiner Ansicht nicht mehr, nachdem die gesetzliche Regelung eingetreten ist.

Dr. Brunzema

Die Ausfuehrungsbestimmungen zu dem Gesetz vom April 1939 ließen auf sich warten. So kam es, daß der Vater keine Veranlassung sah, seine Kinder in der H.J. anzumelden. Auch das Jugendamt der Stadt Emden ließ die Sache auf sich beruhen. Infolgedessen sind die vier aeltesten Kinder von Dr. Brunzema - trotz des Gerichtsbeschlusses - nicht in die H.J. ueberfuehrt worden.

Solches geschieht vom Herrn Zebaoth. Sein Rat ist wunderbar, und er fuehrt es herrlich hinaus. ( Jes. 28, 29 )